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Interview mit Irene Göschl: Mit Herzblut für mehr Sichtbarkeit von Frauen im Fußball

Fokus: Frauen im Fußball 2026

Im Rahmen unserer Kampagne „Frauen im Fußball – Fokus“ freuen wir uns, diesmal eine besonders engagierte Stimme aus dem österreichischen Fußball vorzustellen: Irene Göschl. Mit großer Leidenschaft setzt sie sich seit Jahren für mehr Sichtbarkeit, Wertschätzung und die strukturelle Weiterentwicklung von Spielerinnen und ihren Wettbewerben ein.

Im Interview spricht sie über ihren persönlichen Weg zum Fußball, prägende Erlebnisse, strukturelle Herausforderungen sowie über die enorme emotionale Kraft und das Wachstumspotenzial dieses Bereichs. Mit beeindruckender Reichweite in den sozialen Medien zeigt sie, welches Potenzial in authentischem, ehrenamtlichem Engagement steckt – und wo aus ihrer Sicht noch entscheidende Schritte notwendig sind.

Der Höhepunkt unserer Kampagne „Fokus: Frauen im Fußball“ ist „Frauen im Fußball – The Talk“, der 2026 bereits zum dritten Mal stattfindet. Im Mittelpunkt stehen aktuelle Entwicklungen, bestehende strukturelle Hürden sowie konkrete Ansatzpunkte für Vereine, Verbände und Ausbildung – mit anschließendem offenen Austausch und Networking. Sichere dir deine kostenlosen Tickets hier.

Wer bist du und wie bist du zum Fußball gekommen?

Mein Name ist Irene Göschl, ich bin seit 27 Jahren mit meinem Mann Heimo verheiratet, Mutter von zwei wunderbaren, inzwischen erwachsenen Kindern, Julian (27) und Helena (21). Mein Mann und ich leben im schönen Ennstal mit Blick auf den Grimming. Bei uns zuhause herrscht leichte Überzahl an Vierbeinern, unsere Hündin Amy und die beiden Katerchen Wasabi und Maki sorgen dafür, dass es nie langweilig wird.

Fußball begleitet mich eigentlich, seit ich denken kann. In meiner Kindheit und Jugend habe ich jede freie Minute mit den Jungs gekickt, ich habe es einfach geliebt. 

Irene Göschl im Stadion von Austria Wien. Foto: Gerhard Breitschopf

Es stand auch ein Angebot vom 1. DFC Leoben im Raum, damals höchste Liga. Für mich wäre das ein Traum gewesen. Aber mein Vater hatte große Bedenken wegen der Verletzungsgefahr, weil ich im elterlichen Betrieb mitarbeitete. War schon bitter für mich, aber damals war es halt so.

Ich verschrieb mich dann mit Haut und Haar dem Männerfußball bis ins Jahr 2017. Der Wendepunkt kam eigentlich im Urlaub 2017. Die Schulfreundin meiner Tochter Ines, damals im LAZ Stainach, war mit uns unterwegs. Und plötzlich saßen wir nicht nur am Strand, sondern auch gemeinsam vor dem Fernseher bei den EM Spielen der österreichischen Frauen-Nationalmannschaft. Ich war völlig begeistert.

Als sie später in die Akademie nach St. Pölten wechselte und 2019 bei der U17-EM in Bulgarien spielte, war ich in Bulgarien dabei. Dieses Erlebnis war für mich unvergesslich. Da habe ich gemerkt, das ist mehr als nur Zuschauen. Das ist Herzblut.

Ich begann, Bilder und Eindrücke auf meinen privaten Facebook- und Instagram-Accounts zu teilen. Weil Ines in der 1. Bundesliga spielte, war ich oft live bei ihren Spielen – und irgendwann wurde aus dem „ein bisschen posten“ auf meinen privaten Accounts eine echte Mission.

Was war der Moment, in dem dir klar wurde: Frauen im Fußball bekommen nicht die Aufmerksamkeit, die sie verdienen – und ich will daran etwas ändern und starte mit Social Media?

Der entscheidende Moment war kein einzelner Augenblick, sondern ein Prozess.

Ich habe gesehen, welchen unglaublichen Aufwand Spielerinnen und Eltern betreiben, schon im LAZ, später in der Akademie St. Pölten. Fahrten, Trainingszeiten, Organisation, finanzielle Belastung und trotzdem kaum mediale Aufmerksamkeit und nur minimale finanzielle Unterstützung und so gut wie keine Wertschätzung. Gleichzeitig bekommen Burschen teilweise schon ab der Oberliga eine deutlich bessere Förderung.

Da stimmt einfach etwas nicht.

Ich begann immer aktiver zu posten, Fotos zu teilen, Kommentare zu schreiben bei Vereinen, beim ÖFB, überall dort, wo ich dachte: Jetzt muss man doch hinschauen!

Seit zwei Jahren mache ich das sehr intensiv. Und ganz ehrlich: Für jemanden, der mit Social Media vorher wenig am Hut hatte, war das Learning by Doing.

Da ich aus gesundheitlichen Gründen schon seit Jahren zuhause bin, die Kinder sind ausgezogen und der Frauenfußball hat mir unglaublich viel Kraft gegeben. Ich konnte endlich das leben, was ich in meiner Jugend nicht durfte. Vielleicht mit ein paar Jahren Verspätung – aber mit voller Leidenschaft.

Ich habe Spielerinnen, Trainer, Eltern kennengelernt, obwohl ich eigentlich eher zurückgezogen lebe. Und aus meinen privaten Accounts ist etwas entstanden, womit ich nie gerechnet hätte.

Mein Tag beginnt mittlerweile damit, Nachrichten zu beantworten – und das sind nicht wenige. Danach geht es mit Content weiter. Es erfüllt mich, wieder eine Aufgabe zu haben. Eine, die Sinn macht.

Dass ich perfektionistisch bin, macht es nicht immer einfacher – ich will immer noch mehr machen. Mein Körper zeigt mir aber immer sehr deutlich auf, wo meine Grenzen sind.

Umso dankbarer bin ich, dass mein Mann selbst großer Fan des Frauenfußballs ist. Er bringt unglaublich viel Verständnis auf, fährt mich zu Spielen – und unterstützt mich voll und dafür bin ich sehr dankbar.

Welche Hürden hast du aus deiner eigenen Erfahrung im Leistungs- und Amateurfusball am Stärksten wahrgenommen – und wo siehst du den größten Reformbedarf?

Ganz ehrlich: Meine größte Hürde war damals schlicht und einfach, dass ich nicht spielen durfte. Ich hätte alles dafür gegeben, beim 1. DFC Leoben aufzulaufen.

Heute sehe ich andere Hürden – strukturelle.

Und ich meine damit nicht, dass Frauen das Gleiche verdienen müssen wie Männer. Das ist Blödsinn. Aber es geht um Grundlagen:

  • strukturierte Trainingsprogramme
  • ordentliche Versicherungen
  • Zugang zu Fitnessmöglichkeiten
  • Physiotherapie
  • Sportpsychologische Betreuung
  • und vor allem: Wertschätzung
Irene Göschl mit Laura Wienroither. Foto: ÖFB

Es muss das Ziel sein, dass man in der Admiral Frauen-Bundesliga irgendwann vom Fußball leben kann. Vielleicht nicht morgen – aber doch bald. Wenn das nicht das Ziel ist, dann fehlt die Vision.

Manchmal habe ich leider das Gefühl, dass der Frauenfußball in Österreich eher gebremst als gefördert wird.

Auch bei den neuen Lizenzbestimmungen bin ich skeptisch. Natürlich braucht es Professionalität – aber es darf nicht so sein, dass am Ende nur noch große Vereine eine Chance haben. Es sollten die Besten spielen.

Viel wichtiger wäre meiner Meinung nach eine Aufstockung auf 12 Teams. In Deutschland ist man diesen Weg längst gegangen – die Frauen-Bundesliga wurde bereits auf 14 Mannschaften erweitert und eine weitere Aufstockung steht im Raum.

Da muss Österreich aufpassen, nicht den Anschluss zu verlieren.

Und dann kommen wir zu Social Media – der größten Chance überhaupt.
Ich hatte in der Herbstsaison zwischen 800.000 und 950.000 Aufrufe. Als Privatperson. Ehrenamtlich. Aus Leidenschaft.

Stell dir vor, was möglich wäre, wenn es von offizieller Seite professionell betreute Accounts gäbe – vom ÖFB oder der Liga – die täglich hochwertigen Content liefern.

Und ganz wichtig: Jeder Verein der Admiral Frauen-Bundesliga sollte einen eigenen, gut betreuten Account haben – nicht „irgendwo“ beim Männerverein mitlaufen. Das ist keine Wertschätzung. Sichtbarkeit beginnt bei der eigenen Bühne.

Welche Chance im Frauenfußball wird aktuell am meisten unterschätzt-und was müsste passieren, damit sie genutzt wird?

Am meisten unterschätzt wird meiner Meinung nach die emotionale Kraft des Frauenfußballs.

Die Identifikation ist unglaublich hoch. Die Spielerinnen sind nahbar, authentisch, bodenständig – junge Mädchen haben echte Vorbilder, die erreichbar wirken. Das ist ein riesiges Potenzial.

Was passieren müsste?

  • Mehr mediale Präsenz
  • Professionelle Social-Media-Strategien
  • Ausbau der Liga
  • Klare langfristige Vision
  • Und vor allem: Mut

Frauenfußball ist kein „Nebenprodukt“. Er ist eine eigenständige, starke Sportart mit enormem Wachstumspotenzial. Und ich werde weiter meinen Teil dazu beitragen, so gut es mir möglich ist – mit Herz, mit Leidenschaft und wahrscheinlich weiterhin mit sehr wenig Zeit für mein Privatleben. Aber wenn ich sehe, wie sich junge Spielerinnen entwickeln und mehr Aufmerksamkeit bekommen, dann weiß ich: Es lohnt sich.

Frauen im Fußball: The Talk

17. März | FH Technikum Wien

Frauen im Fußball – The Talk“ bringt Expertinnen, Spielerinnen und Entscheidungsträger*innen zusammen, um über Entwicklungen, Herausforderungen und Zukunftsperspektiven von Frauen im Fußball zu sprechen. Die Veranstaltung bietet Impulse, Diskussion und Raum für Austausch.

Was ist die wichtigste persönliche Botschaft, die du Menschen mitgeben möchtest, die den Frauenfußball verfolgen, fördern oder selbst darin aktiv sind?

Meine wichtigste Botschaft ist: Nehmt den Frauenfußball ernst – und nehmt euch selbst ernst. Jede Spielerin investiert genauso viel Herzblut, Disziplin und Leidenschaft wie jeder andere Leistungssportler auch und verdient dafür Respekt und faire Bedingungen. Sichtbarkeit entsteht nicht von allein – sie entsteht, wenn Fans kommen, wenn Verantwortliche mutig investieren und wenn wir alle darüber sprechen. Frauenfußball ist kein Randthema, sondern eine echte Chance mit enormem Potenzial. Und wenn jeder ein kleines Stück beiträgt, können wir gemeinsam Großes bewegen.

Zu dieser Anmerkung: “Manchmal habe ich leider das Gefühl, dass der Frauenfußball in Österreich eher gebremst als gefördert wird”.

Nach zwei sehr erfolgreichen EM-Teilnahmen wurde jedes Mal groß angekündigt, dass man diese Chance nicht wieder verschlafen dürfe – und trotzdem habe ich immer wieder das Gefühl, dass der Frauenfußball in Österreich eher gebremst als gefördert wird. Die Worte sind schnell gesagt, aber die Taten danach wirken oft halbherzig. Es beginnt bei den Signalen nach außen: Ein Spiel gegen die Europameisterinnen in einem kleinen Stadion wie Wiener Neustadt, obwohl man mit der richtigen Planung deutlich größere Stadien hätte füllen können. Genau solche Entscheidungen zeigen, welchen Stellenwert der Frauenfußball tatsächlich hat.

Sportlich wirkt es ähnlich konsequent los. Irene Fuhrmann halte ich für eine sehr gute Trainerin, aber das Amt als Teamchefin kam meiner Meinung nach zu früh. Statt die Chance zu nutzen, eine wirklich erfahrene Lösung für diese starke Generation zu holen, wurde intern nachbesetzt – nach dem Motto: „wird schon passen“. Was das bedeuten kann, sehen wir gerade. Wenn nicht rasch gegengesteuert wird, befürchte ich, dass wir in naher Zukunft weder EM noch WM erreichen – und das wäre besonders bitter für die erfahrenen Spielerinnen, die sich das verdient haben.

Dazu kommt die finanzielle Schieflage: Im Frauenfußball heißt es schnell, es sei zu teuer oder nicht machbar – während bei den Herren große Budgets und riesige Delegationen zu Großereignissen selbstverständlich sind. Warum wird im Frauenbereich nicht endlich aufgestockt?

Ich habe gesehen, wie stark Teams wie die Wildcats und Rapid sind. Umso mehr sorgt mich, dass neue Lizenzbestimmungen in der Admiral Frauen Bundesliga ausgerechnet jetzt zum Thema werden – und dass es am Ende sportlich erfolgreiche Vereine, aber kleine Vereine wie z.B. die Wildcats, treffen könnte, weil die Rahmenbedingungen plötzlich so gesetzt sind, dass es für manche kaum mehr machbar ist.

Diese Schieflage zeigt sich leider oft auch in der täglichen Praxis. Viele, die sich – oft sogar ehrenamtlich und mit viel Leidenschaft – für die Sichtbarkeit des Sports einsetzen, stoßen auf unnötige bürokratische Hürden. Wenn der Zugang zu Pressematerial oder offizieller Unterstützung so erschwert wird, bleibt viel Potenzial für mehr Reichweite ungenutzt. Es wirkt manchmal so, als stünde man sich hier bei der aktiven Förderung der Sichtbarkeit selbst im Weg. Dabei wäre genau das der Schlüssel, um mehr Menschen zu begeistern und dem Frauenfußball die Wertschätzung zu geben, die er längst verdient.

„Wir freuen uns sehr, dass ‚Fokus: Frauen im Fußball‘ bereits in das dritte Jahr geht. Was als Initiative begonnen hat, ist zu einem festen Bestandteil unseres Jahres geworden. Die kontinuierliche Unterstützung der Vereine und unserer Partner*innen zeigt, wie relevant dieses Thema ist. Mehr Sichtbarkeit und Chancengleichheit für Frauen im Fußball entstehen nicht durch einzelne Aktionen, sondern durch langfristiges Engagement.“
Simon Schmiderer
zone14 - Co-CEO und Mitbegründer
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